Freigestellt – warum jetzt nicht möglichst viele Bewerbungen die beste Strategie sind
In wirtschaftlich angespannten Zeiten wie diesen ist das Ende eines Arbeitsverhältnisses immer häufiger mit einer Freistellung verbunden. Der Arbeitnehmer erhält für einen definierten Zeitraum weiter sein Gehalt, muss aber keine Arbeitsleistung mehr erbringen.
Was sich zunächst nach einem komfortablen Ausstiegsszenario anhört, hat zum Teil erhebliche Auswirkungen auf die Betroffenen.
Besonders für Menschen, die viele Jahre kontinuierlich berufstätig waren, ist eine Freistellung eine Herausforderung.
Das beginnt ganz trivial damit, dass die gewohnten Routinen plötzlich wegfallen. Der eingespielte Rhythmus von morgens früh aufstehen, sich fertig machen, ins Büro eilen, dort den Tag verbringen und abends müde ins Bett fallen ist plötzlich aus dem Takt geraten.
Ich kenne diese Situation nicht nur aus meiner Arbeit mit Klienten, sondern auch aus eigener Erfahrung. Und nein – das fühlt sich überhaupt nicht nach Urlaub an.
Denn im Unterschied zum Erholungsurlaub steht nach Ablauf der Freistellung nicht wieder der Büroalltag auf dem Programm. Es droht vielmehr erst einmal das – auch wirtschaftliche – Nichts. Eine solche Unsicherheit erzeugt bei vielen meiner Klienten Unruhe und einen starken Drang, tätig zu werden.
Neben der Herausforderung, den Alltag neu zu strukturieren, kommen weitere belastende Komponenten hinzu. Für viele ist der Verlust des Arbeitsplatzes mit einer massiven Verletzung ihres Selbstwertgefühls verbunden. „Ich habe doch jahrelang einen tollen Job gemacht – und plötzlich bin ich nicht mehr gut genug?“ Solche und ähnliche Fragen schüren Selbstzweifel und Unsicherheit.
Unter Umständen kommt noch eine schambesetzte Komponente hinzu, wenn man beispielsweise den Nachbarn die plötzliche Anwesenheit zu ungewohnter Stunde erklären muss.
Was eine Freistellung mit uns machen kann
Es ist sicherlich nicht übertrieben zu sagen, dass der Verlust des Arbeitsplatzes und eine Freistellung außerordentlich belastende Situationen darstellen können: Die Betroffenen sehen sich mit Gefühlen wie Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Ausgeliefertsein oder dem Gefühl einer existenziellen Bedrohung konfrontiert.
In meiner beruflichen Praxis begegnet mir häufig ein bemerkenswerter Aktionismus als Reaktionsmuster auf eine solche Situation. Die Menschen produzieren massenhaft Bewerbungen auf jede Stelle, die nur ansatzweise für sie geeignet sein könnte. Das erzeugt zumindest ein Gefühl der Aktivität und Wirksamkeit.
Oftmals kommt es dann aber zu einem ungünstigen Teufelskreis: Viele wenig zielgerichtete Bewerbungen erzeugen unter Umständen viele Absagen, was das ohnehin schon angeschlagene Selbstwertgefühl weiter schmälert.
Der gut gemeinte Ratschlag aus dem sozialen Umfeld, doch erst einmal zur Ruhe zu kommen und sich zu erholen, ist für viele Betroffene allerdings nicht wirklich hilfreich. Dafür sind die innere Unruhe und der Drang, die eigene Situation wieder aktiv zu gestalten, viel zu groß.
Psychische Rehabilitation statt Stillstand
Bei einer körperlichen Verletzung, zum Beispiel einem gebrochenen Bein, fällt es in der Regel viel leichter zu akzeptieren, dass diese erst einmal verheilen muss, bevor man zur gewohnten Leistungsfähigkeit zurückfindet. Bei psychischen Verletzungen, wie sie der Verlust des Arbeitsplatzes mit sich bringen kann, ist das offenbar nicht so leicht.
Ein Sportler wird sich intensiv um seine Rehabilitation kümmern, um so schnell wie möglich wieder leistungsfähig zu werden. Gerade im Profibereich wird auf die Einhaltung der Physiotherapietermine und die disziplinierte Durchführung der verordneten Übungen genauso viel Aufmerksamkeit gelegt wie zu „normalen“ Zeiten auf den täglichen Trainingsplan.
Die bewusste Auseinandersetzung mit der erlittenen psychischen Verletzung und ihre Überwindung sind das entsprechende Pendant im Bereich der beruflichen Neuorientierung.
Typische „Reha-Übungen“ können hier sein:
ein bewusster und klarer Abschluss mit der Vergangenheit,
eine Rückbesinnung auf die eigenen Stärken,
die Erkenntnis, dass der eigene Wert nicht von unternehmerischen Entscheidungen oder dem Urteil eines Vorgesetzten oder Personalchefs abhängt.
Wenn die eigene Stabilität und das persönliche Selbstvertrauen wiederhergestellt sind, haben zielgerichtete Bewerbungen deutlich höhere Erfolgschancen. Passende Angebote werden leichter identifiziert und im Lebenslauf kann gezielt auf die relevanten Stärken hingewiesen werden – dafür muss man sich ihrer aber erst einmal bewusst sein.
Spätestens im Bewerbungsgespräch hinterlässt ein im wörtlichen Sinne „selbst-bewusster“ Auftritt einen deutlich positiveren Eindruck.
Zur Wiedererlangung der eigenen Stabilität ist ein Trainingspartner an der Seite ungemein hilfreich. Das kann eine Person aus dem sozialen Umfeld sein. Bei tiefgreifenden oder anhaltenden psychischen Beeinträchtigungen empfiehlt sich professionelle therapeutische Unterstützung. Auch die Begleitung durch einen Coach bei der beruflichen Neuorientierung kann hilfreich sein.
Dabei gibt es nicht den einen richtigen Weg, sondern die für den Einzelnen passende Kombination aus eigener Auseinandersetzung und geeigneter Unterstützung.
Ein solches Vorgehen hilft, die Zeit einer Freistellung wirklich produktiv zu nutzen – nicht durch möglichst viel Aktivität, sondern durch die richtige Aktivität. Um dann mit neuem Selbstvertrauen und klarem Kurs zu neuen Ufern aufzubrechen.