Mit dem Gravelbike nach Bozen – über Umwege zu neuen Perspektiven

Eine zusätzliche Etappe über 60 Kilometer und 1.000 Höhenmetern im Regen war in meiner ursprünglichen Reiseplanung nicht vorgesehen. Eigentlich wollte ich an diesem Tag nur mit dem Zug von Bozen zurück nach Hause fahren. Doch wie so oft kam es anders.

Vom Wunsch zur Realität

Drei Tage zuvor war ich in Warngau auf mein Gravelbike gestiegen, um mir einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen: einmal mit dem Fahrrad nach Bozen.

In der Theorie war die Tour längst geplant, das passende Fahrrad stand vor der Tür und auch die nötige Ausrüstung war inzwischen vollständig. Wenn da nicht immer diese unüberwindbaren Hindernisse wären! Ich kann mich doch nicht einfach so ein paar Tage ausblenden, ich muss arbeiten, akquirieren, die Website muss aktualisiert werden, der Garten, das Brennholz für den Winter, und, und, und.

Manchmal braucht es für diesen magischen ersten Schritt, mit dem wir aus einem Wunsch Realität werden lassen, einen Impuls von außen. Zum Glück habe ich eine wunderbare Frau an meiner Seite, die mir klar zu verstehen gegeben hat, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt war, diesen Schritt zu gehen.

Auch beruflich wissen wir oft längst, dass wir etwas verändern möchten. Trotzdem finden wir genügend Gründe, weshalb gerade jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist. Der entscheidende Schritt besteht dann häufig nicht darin, schon den gesamten Weg zu kennen – sondern überhaupt loszugehen.

 
Niels Neumann mit seinem Gravelbike vor dem Start der Bikepacking-Tour von Warngau nach Bozen
 

Welcher Weg passt zu mir?

Es gibt etliche Möglichkeiten, die Strecke zwischen Warngau und Bozen mit dem Fahrrad zu bewältigen: Man kann mit dem Rennrad auf Landstraßen Tempo machen. Auf gut ausgebauten Radwegen gemütlich vorankommen. Oder dem Verkehr und dem Trubel auf Nebenstraßen, Bergpfaden und Schiebestrecken entkommen. Es gibt kein Richtig oder Falsch, sondern nur die Frage, welche Option für einen selbst am besten passt. Es sind die persönlichen Neigungen, die eigenen (technischen) Fähigkeiten und die jeweils passende Ausrüstung, die uns zu einer Entscheidung bringen.

Ich wollte möglichst viel Natur und meine Ruhe und so habe ich mich für eine Gravel-Tour entschieden. Die damit verbundenen Extra-Kilometer waren eher ein Bonus als eine Belastung.

Unterwegs ist mir klar geworden, dass es bei einer beruflichen Neuorientierung häufig um eine ganz ähnliche Frage geht: Nicht welcher Weg objektiv der beste ist, sondern welcher Weg zu den eigenen Zielen, Fähigkeiten und Bedürfnissen passt. Ist das geklärt, werden die nächsten Schritte meist deutlich leichter.

Dabei ist mir auch klar geworden, dass mein Firmenmotto kein Zufall ist: „Wege erkennen. Ziele erreichen.“ Wobei sich unterwegs mitunter die Frage stellt: Wo bitte geht es hier weiter?

 
Durch einen Murenabgang beschädigter Radweg im Wald auf der Bikepacking-Tour nach Bozen
 

Wenn der innere Antreiber das Kommando übernimmt

Sport spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben. Er hilft mir, meine Gedanken zu ordnen  und neue Perspektiven zu gewinnen. Wenn ich Sport mache, fühle ich mich lebendig, kann im wahrsten Sinne des Wortes „etwas bewegen“. Und ja – Sport befriedigt auch mein Leistungsmotiv. Die Hausrunde eine Minute schneller absolvieren als beim letzten Mal. Einen Klimmzug mehr schaffen als in der Vorwoche. Ich würde heucheln, wenn ich so täte, als wäre mir all das egal.

Welche Schattenseiten mein Leistungsmotiv haben kann, ist mir während meiner Tour nach Bozen besonders deutlich geworden: Natz liegt rund vier Kilometer nördlich von Brixen. Nach einer rasanten Abfahrt erreicht man den Eisack, dem der Radweg durch Brixen hindurch folgt. An der Adlerbrücke eröffnet sich für einen kurzen Moment der Blick auf die herrliche Altstadt mit ihren Gassen, Erkern und Lauben. Es ist nur ein flüchtiger Eindruck im Vorbeifahren – dann ist man schon wieder weiter und folgt dem Radweg durch die Stadt.

Zu Beginn der Reise hatte ich mir fest vorgenommen, die Strecke zu genießen und nicht auf Tempo und Bestmarken zu achten. Kurz nach diesem Blick in die Altstadt wurde mir plötzlich klar, dass ich meinem Vorsatz längst nicht mehr folgte. Mein Leistungsmotiv hatte wieder das Kommando übernommen: weiter, weiter, weiter!

Selten zuvor ist mir so deutlich geworden, welches Risiko mein Leistungsmotiv mit sich bringt – gerade weil es im beruflichen Kontext so häufig wertgeschätzt wird: die schönen Momente unterwegs zu verpassen.

Mit dieser Erkenntnis hielt ich an und fuhr mit einem innerlichen Grinsen zur Adlerbrücke zurück, um gemütlich durch die Altstadt zu rollen und dieses Kleinod Südtirols zu genießen.

Auf den folgenden Kilometern – und auch heute noch, einige Tage nach der Tour – hat mich die Frage beschäftigt, wie viele gute Momente mit meinen Kollegen und meinen Teams ich möglicherweise verpasst habe, weil ich zu sehr meinem Leistungsmotiv gefolgt bin und das gesteckte Ziel im Blick hatte.

Was unter Stress sichtbar wird

Noch deutlicher zeigte mir die Tour, wie ich unter Stress reagiere. Unter Belastung werden unsere gewohnten Stressreaktionen besonders deutlich. Manche Menschen ziehen sich zurück, andere versuchen es allen recht zu machen – und wieder andere werden kämpferisch. Zu dieser letzten Gruppe gehöre offenbar ich.

Meine Bikepacking-Tour mag für andere eine Kaffeefahrt gewesen sein, mich selbst führte sie mehrfach an meine körperlichen Grenzen. Dabei zeigte sich sehr deutlich mein persönliches Stressmuster: Angriff. Zwei ältere Damen, die in ein Gespräch versunken auf dem Radweg spazieren gingen, hätten mir am Morgen noch ein Lächeln und einen freundlichen Gruß entlockt. Abends, nach 2.000 Höhenmetern, erschienen sie mir dagegen als Ausbund der Rücksichtslosigkeit. Auch auf den Autofahrer, der noch schnell über den Zebrastreifen fuhr und mich nicht über die Straße ließ, reagierte ich deutlich ungehaltener, als ich es mit ausreichenden Kraftreserven getan hätte. Meine genaue Reaktion möchte ich hier lieber nicht weiter vertiefen …

Auf dem Fahrrad wurde mir wie durch ein Brennglas deutlich, wie wichtig es für mich ist, mein Stresslevel im grünen Bereich zu halten – oder, wo das nicht möglich ist, besonders bewusst mit meinen Reaktionen umzugehen. Bei körperlicher Anstrengung ist Überlastung noch vergleichsweise leicht zu erkennen: Irgendwann kann man schlicht nicht mehr. Im beruflichen Alltag ist das schwieriger. Viele Menschen bemerken erst spät, dass sie sich längst im roten Bereich befinden und nicht mehr so mit ihrem Umfeld umgehen, wie sie es eigentlich möchten.

Also einfach mal Pause machen - als ob das so einfach wäre!

 
Pause während der Bikepacking-Tour mit Kaffee, Gebäck und Fahrradhelm auf einem Tisch
 

Die inneren Antreiber und Stressmuster erkennen und lernen, sie zu managen, kann man also auf einer Bikepacking-Tour erreichen. Oder im Rahmen eines Coachings - das ist deutlich weniger anstrengend.

Rückschläge und der Mythos von Kontrolle

Den eigenen Weg zu gehen bedeutet nicht, jeden einzelnen Schritt im Voraus festlegen zu können. Entscheidend ist zunächst der konkrete nächste Schritt – und der zeigt sich häufig erst in der konkreten Situation. Auf meiner Rückreise von Bozen nach Hause sollte sich diese Überzeugung noch einmal eindrucksvoll bestätigen.

Wir alle haben ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Kontrolle. Ich hätte zum Beispiel gern die Rückreise von Bozen nach Holzkirchen mit der Bahn bereits im Vorfeld organisiert. Ging nicht. Oder alle Hotels auf der Tour schon vor der Abfahrt gebucht. Aber wer weiß, wie weit ich pro Tag komme? Machte also keinen Sinn.

Die bewusste Entscheidung, Kontrolle einfach mal aufzugeben, war eine wichtige Lernerfahrung für mich. Und zunächst schien das auch gut zu funktionieren. Die Hotelbuchungen unterwegs waren kein Thema. Und die Bahnfahrt von Bozen nach Holzkirchen war am Bahnhof vor Ort ebenfalls problemlos buchbar.

Wer konnte schon ahnen, dass ein Murenabgang den Bahnverkehr zwischen Sterzing und Brenner lahmlegen würde? Die Busse, die als Schienenersatzverkehr eingesetzt wurden, nahmen leider keine Fahrräder mit. Und blöd, dass es ausgerechnet heute regnen muss.

IIm Zug von Bozen nach Sterzing war die Anspannung unter den mitreisenden Bikepackern deutlich spürbar. Würde der Schienenersatzverkehr Fahrräder mitnehmen? Wie weit ist es von Sterzing zum Brenner? Wie viele Höhenmeter? Würde die Strecke frei sein? Lohnt es sich zu warten, bis die Bahn wieder fährt?

Vor Ort in Sterzing war unmittelbar klar: Die Busse nehmen keine Räder mit.

Es gibt die alte Geschichte von Marathonläufern, die nur bis zum Ziel laufen können und danach keinen Schritt mehr schaffen. Mir ging es ähnlich. Die Fahrt nach Bozen war anstrengend, mehr Radfahren wollte ich erstmal nicht. Und jetzt wirklich nochmal auf den Brenner strampeln? Eine echte Herausforderung für meine Motivation (und meinen Hintern). Hilft ja nichts, Regenklamotten anziehen und los.

Mein aktuelles Mantra in solchen Situationen lautet „It is what it is“. Ich bemühe mich ganz bewusst, die Situation so anzunehmen, wie sie sich gerade darstellt, anstatt mit ihr zu hadern. Ändern kann ich die Umstände gerade ohnehin nicht. Irgendwann hat es tatsächlich wieder Spaß gemacht, der Radweg zum Brenner ist extrem gut ausgebaut, die Steigungen in der Regel vertretbar. Es gibt sogar Fahrradtunnel mit Bewegungssensoren, in denen das Licht angeht, sobald man hineinfährt. Der Regen hatte mit der Zeit aufgehört.

Zum Brenner sind ja nur rund 30 km und ab dann würde ich mich endlich gemütlich in den Zug setzen.

Nicht ganz: Von der Innsbrucker Seite fuhr leider kein Zug zum Brenner, der Reisende mit Fahrrädern mitnehmen konnte.

Langsam, aber sicher gingen meine Reserven zur Neige. Hilft wieder nichts, sind ja nur nochmal 30 km, geht ja eigentlich nur bergab, wird schon.

Als ich schließlich am Innsbrucker Bahnhof ankam, standen weitere 1.000 Höhenmeter und 60 Kilometer auf dem Tacho. Und ich erlebte, wie tief die Dankbarkeit sein kann, wenn plötzlich wieder etwas funktioniert – und sei es nur die Zugverbindung.

Im beruflichen Kontext predige ich immer wieder meine alte Weisheit: jedes Projekt hat seine Krise, bevor es endlich gut wird. Es erfordert viel Kraft und Durchhaltevermögen, um diese Krisen durchzustehen. Aber auch der Resilienzmuskel lässt sich trainieren!

Noch 7 km vom Holzkichner Bahnhof heim in unser Dorf, wo meine Frau und mein Sohn mich begrüßen, ein Zwetschgendatschi im Ofen duftet - wirklich wahr - und im Kamin ein warmes Feuer brennt. Es klingt nach Kitsch, wenn man es schreibt. In diesem Moment war es einfach nur das perfekte Ende einer Reise, die mich mehr gelehrt hat, als ich erwartet hatte – über Leistung, Kontrolle, Dankbarkeit und nicht zuletzt über mich selbst.

„Wege erkennen. Ziele erreichen“ bedeutet eben nicht, den gesamten Weg im Voraus zu kennen. Manchmal genügt es, den nächsten sinnvollen Schritt zu sehen – und ihn zu gehen.

 
Niels Neumann nach der Rückkehr aus Bozen mit seinem Gravelbike vor dem Haus
 
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